Fallstudie – Research 2.0: Social Media für die Investment-Research-Branche

In einem kürzlich durchgeführten Seminar ‒ Research 2.0: Ready to go viral! ‒ haben Chris Williams, der Entwickler von Research 2.0, und Jack Roehrig, Executive Director bei RIXML.org darüber diskutiert, welche aufregenden Veränderungen Social Media für das Investment-Berichtswesen gebracht haben. Chris Williams arbeitet seit über 17 Jahren im Bereich Investment Research, und Jack Roehrig steht im Zentrum der Diskussion der Investment-Community über die Definition eines offenen Standards zum Kategorisieren, Taggen und Publizieren von globalen Investment-Research-Berichten.

In der 60-Minütigen Seminaraufzeichnung (englische Sprache) können Sie mehr über Research 2.0 und die Arbeit von RIXML.org erfahren und sich ein Beispiel ansehen, auf welche Weise Analysten Social Media bei der Veröffentlichung von Investment-Research-Berichten berücksichtigen können.

Julie Fouque, Kommunikationsexpertin bei Quark, hat Chris Williams und Jack Roehrig interviewt. Beide Interviews stehen jetzt auch in deutscher Sprache zu Verfügung:

Interview mit Chris Williams, Research 2.0: Wie der Einsatz von Social Media zu höheren Umsätzen aus Provisionen führen kann

Interview mit Jack Roehrig, RIXML.org: Wie Strukturen Ihnen – und Ihren Kunden – helfen können, Research-Berichte schneller zu finden

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Interview mit Chris Williams: Wie der Einsatz von Social Media zu höheren Umsätzen aus Provisionen führen kann

Julie: Was ist Research 2.0?

Chris: Research 2.0 legt eine Social-Media-Schicht zwischen Kunden und Investment-Research-Angebote. Das ermöglicht einen kooperativen Austausch zwischen Analysten, Kunden und Vertrieb. Das Ziel ist es, eine stärkere Kundenbindung zu erreichen, die wiederum zu höheren Umsätzen aus Provisionen führt. Diese Möglichkeiten des Social Networking entstehen durch Social-Media-Werkzeuge wie Instant Messaging, interaktive Blogs und andere Technologien.
Um ein Beispiel zu nennen: Mit Research 2.0 können Analysten auch Kunden, die nicht höchste Priorität haben, einen persönlicheren Service bieten, was wiederum zusätzliche Umsätze aus zuvor wenig bedienten Segmenten generiert.

Julie: Wie kamen Sie auf die Idee für Research 2.0?

Chris: Ich habe beobachtet, wie Social Media und insbesondere das iPad ein Teil unsere Alltags werden, und habe die Möglichkeiten gesehen, die sie bieten. Das brachte mich dazu, „Research 2.0“ zu konzipieren. Als das iPad auf den Markt kam, wollten die Unternehmen ihre eigenen iPad Apps veröffentlichen, damit ihre Kunden dort auf ihre Berichte zugreifen können ‒ und viele taten dies auch. Aber bei dem Rennen, als erster auf dem iPad zu veröffentlichten, schafften sie es nur, auf Print oder PDF basierende Standardberichte auszugeben, ähnlich dem, was in der Publishing-Branche bei Zeitungen und Zeitschriften geschah. Sie nutzten die Vorteile der einzigartigen Funktionen von iPad und Social Media nicht.

Julie: Woran lag das?

Chris: Der Investment-Research-Bereich befindet sich jetzt an der Stelle, an der die traditionellen Medien vor einigen Jahren standen. Wie die Medien werden auch viele Research-Berichte noch täglich, wöchentlich oder monatlich veröffentlicht. Wie bei jeder Zeitschrift sind die Informationen nicht mehr zeitgerecht oder relevant, denn das Verfahren zur Herstellung der Informationen steht einer zügigen Distribution im Weg. Diese ersten iPad Apps versuchten sich also an den neuen Medien, ohne dass man sich der verpassten Gelegenheiten bewusst gewesen wäre, die durch neue Arten von Inhalten möglich gewesen wären. Inhalte wurden auf den neuen Medien so dargestellt wie auf den alten. Und solange die Unternehmen nicht über den Standard-Research-Bericht hinausgehen, wird sich ein Unterschied zwischen alten und neuen Medien nicht entwickeln. Nur wenn Investment-Research-Anbieter dedizierte Projekte  durchführen und eine Diskussion über die sich entwickelnden Technologien und neue Möglichkeiten der Darstellung von Research-Informationen führen – so wie es Jack Roehrig und RIXML.org tun – , wird Research 2.0 zum neuen Standard werden.

Julie: Welche Möglichkeiten bieten denn die neuen Darstellungsformen von Research-Informationen?

Chris: Überlegen Sie, was ‒ im Gegensatz zu den herkömmlichen Berichten und den damit verbundenen Herstellungskosten ‒ passieren würde, wenn mit der Ausgabe wenig bis gar keine Kosten verbunden wären? Beispielsweise wenn man einen Link zu einem Nachrichtenbeitrag veröffentlicht und ihn durch einen RSS-Feed verbreitet. Das bedeutet, dass der Analyst weniger Arbeit zu bewältigen hätte, der Aufwand des vollständigen Publishing-Prozesses verringert würde,und der Kunde Informationen in Echtzeit bekäme. Es gab noch niemals Medien, wie wir sie heute haben, um diese Möglichkeit wahrzunehmen.

Julie: Erzählen Sie mir mehr über den Einfluss der Social Media auf das Research-Geschäftsmodell. Wie und warum haben Sie die beiden Konzepte kombiniert?

Chris: Die Kosten, um eine Community ins Leben zu rufen, sind in den letzten fünf Jahren drastisch gesunken. Einige sehr intelligente Autoren sind der Überzeugung, dass Social Media die demokratischen Revolutionen im Nahen Osten maßgeblich gefördert haben ‒ denn sie haben die Macht, Gruppierungen fast über Nacht entstehen zu lassen. Bei einem großen Teil der mit Social Media verbundenen Begeisterung geht es um die Fähigkeit, Gruppen zu formen, welche ohne diese Medien nicht existieren würden.
Aber ich fragte mich, was passieren würde, wenn man am anderen Ende ansetzt… wenn man vorhandene professionelle Gruppen ‒ wie die Investment-Community, die durch die Tätigkeit eines Research-Analysten ins Leben gerufen wurde ‒ nimmt und ihnen den Einfluss der Social Media verleiht? Wie können bestehende Gruppen diese Werkzeuge nutzen, um ihre Ziele und Interessen zu fördern? Meiner Meinung nach ist es dabei am erfolgversprechendsten, wenn man eine völlig neue Ebene der Zusammenarbeit zwischen dem Analysten und seinen Kunden schafft.

Julie: Was bedeutet Research 2.0 für die Analysten? Wie wird sich das Konzept auf ihren Alltag auswirken?

Chris: Research 2.0 bedeutet, dass Analysten eine bessere Verbindung zu ihren Kunden haben. Durch Instant Messaging und Blogging beispielsweise entstehen stärker fokussierte Interaktionen, man verpasst weniger Gelegenheiten. Ich denke, auf der Produktseite benötigen wir weiterhin eine Kombination aus alten und neuen Medien, z. B. lange und detaillierte Berichte, für die definitiv ein Bedarf besteht, ebenso wie kürzere und aktuellere Informationen, die in fokussierten Produkten ausgegeben werden.

Julie: Welches sind die größten Hindernisse und Herausforderungen bei der Einführung von Research 2.0?

Chris: Die Technologie ist kein Hindernis. Sie steht zur Verfügung und leicht verständlich.
Ich glaube, dass die Unternehmenskultur das größte Hindernis ist. Eine der interessantesten Fortschrittsbremsen, die ich gefunden habe, ist das, was ich als „PDF-Nostalgie“ bezeichne. Das ist die Ansicht, dass die PDF-Datei die größte Errungenschaft in der Geschichte der Research-Publikation und -Verbreitung ist, und dass es selbstzerstörerisch wäre, davon abzuweichen. Natürlich gibt es echte Probleme in Bezug auf Compliance, d.h. Richtlinien, welche gelöst werden müssen, aber das sind keine Hindernisse, sondern Herausforderungen. Aber auch wenn diese Probleme vielleicht verhindern, dass etwas sofort eingeführt wird, wird möglicherweise von den Brokern der Anstoß für eine Einführung kommen.

Julie: Was bedeutet Research 2.0 für die Technologieanbieter?

Chris: Ich glaube, dass alle großen Broker entweder gerade in der Visionalisierungsphase sind und überdenken, was die Social Media und die digitalen Möglichkeiten für sie bedeuten, oder dass sie in der Implementierungsphase einer Initiative zu Research 2.0 sind. Einige warten vielleicht auf einsatzbereite Lösungen, andere zeigen bereits, dass sie ganz vorne sein wollen, indem sie entsprechende Lösungen so früh wie möglich implementieren. Die echte Gelegenheit für Technologieanbieter ist es, Werkzeuge zusammenzuführen, von denen niemand gedacht hätte, dass sie zusammen funktionieren können, und die das Geschäft auf eine positive Art verändern, wie es die Social Media mit unseren Leben getan haben.

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Interview mit Jack Roehrig, RIXML.org: Wie Strukturen Ihnen – und Ihren Kunden – helfen können, Research-Berichte schneller zu finden

Julie: RIXML.org wurde vor zehn Jahren gegründet. Wie kam es dazu?

Jack: RIXML.org sollte ursprünglich eine Möglichkeit darstellen, das Auffinden spezifischer Research-Daten zu vereinfachen. Vor zehn Jahren wurden Daten hauptsächlich per E-Mail ausgetauscht. Dadurch entstand eine Flut von Informationen, die den Posteingang der Menschen überfüllte und es sehr erschwerte, spezifische Research-Berichte zu finden. Das verlangsamte natürlich die Möglichkeiten, die Informationen zu nutzen. Es war nicht nur aufgrund der Kommunikation via E-Mail, sondern auch wegen der unterschiedlichen Ausgabeformate der Berichte schwierig, Informationen zu finden. Nichts war einheitlich, also verbrachte man viel Zeit damit, Informationen zu suchen.
Um also etwas Ordnung einzuführen und eine Disziplin zu etablieren, kamen einige Unternehmen mit dem Ziel zusammen, Metadaten auf Research-Informationen anzuwenden, so dass man beim Suchen den richtigen Inhalt schneller finden würde. Ungefähr zu dieser Zeit fand XML als Publishing-Technologie seinen Weg in den Research-Bereich, insbesondere, weil XML erweiterbar ist ‒ das bedeutet, dass die Funktionalität flexibel ist und den spezifischen Unternehmensanforderungen entsprechend erweitert bzw. darauf zugeschnitten werden kann. Die Investment-Community stellte fest, dass ein Unternehmen die Grundlage für konsistente Produktbeschreibungen ganz einfach legen konnte, indem es ein paar Metadaten definiert. welche die Inhalte beschreiben. Die Basis für Einheitlichkeit war geschaffen, und die Art, wie Research-Informationen verwaltet werden, wurde damit deutlich optimiert.
Mehr und mehr Unternehmen schlossen sich an, und heute werden mehr und mehr Gespräche über Metadaten und Tags zum Identifizieren von Inhalten ‒ und die Unterstützung durch Enterprise-Sofware ‒ geführt.

Julie: Und aktuell kommt neuer Schwung in diese Diskussion um Standards für Research-Berichte?

Jack: Ja, der Wandel kommt ‒ eigentlich ist er schon da. Wir können nicht länger von Berichten im herkömmlichen Sinne sprechen. Stattdessen sehen wir, dass das iPad und die anderen digitalen Geräte neue Wege zum Aufbereiten und Darstellen von Inhalten mit sich bringen. Durch Social Media entstehen lebhafte Diskussionen. All das bedeutet das Identifizieren von Tags und Metadaten zum Identifizieren neuer Arten von Informationen. Die neue Generation, die mit dieser Technologie aufgewachsen ist ‒ ob auf der Anbieter- oder der Verbraucherseite ‒ erzwingt diese Veränderung. Es ist weniger wahrscheinlich, dass Angehörige dieser Generation eine Zeitung oder eine PDF-Datei lesen, also sind sie eine treibende Kraft in Bezug darauf, wie Research-Informationen dargestellt und ausgegeben werden und damit auch in Bezug darauf, wie die Informationen verwaltet werden. Research-Ideen müssen mit einer großen Offenheit entwickelt werden, denn bei dem neuen Modell geht es nicht mehr nur um Print und PDF-Dateien.

Julie: Wie arbeitet RIXML mit der Investment-Community zusammen, um Analysten über die Konzepte zu informieren, die hinter den neuen Möglichkeiten der Kundenbindung im Investment-Research stehen?

Jack: In Bezug auf die Technologie selbst nehmen spezialisierte Mitarbeiter großer Unternehmen auf der Anbieterseite an den Gesprächen und der Diskussion teil, z. B. in unserer Gruppe „Emerging Technology“, so dass sich die Analysten dieser Unternehmen auf Research und Ausgabeoptionen konzentrieren können.
Kleinere Unternehmen verlassen sich auf Dritte, die ihre Inhalte „RIXML-isieren“, wie ich es nenne, und Applikationen zum Taggen von Inhalten anbieten. Aber was die Analysten selbst und Ihre Nutzung der neuen Möglichkeiten zur Kundenbindung betrifft: Nun, letztendlich holt der Kunde den Analysten mit ins Boot, wenn er verlangt, dass Inhalte schneller und über unterschiedliche Kanäle geliefert werden und angibt, am besten erreiche man ihn über diese neuen Social Media und die digitalen Kanäle.
Einen anderen Aspekt, den ich hinsichtlich Social Media, iPad und den neuen Möglichkeiten zum Kommunizieren auf einer individuellen Ebene sehe, ist der, dass Analysten Modelle und Inhalte über diese neuen Kanäle für selektive Kunden und Unternehmen selektiv vermarkten können. Wir werden sehen, dass Unternehmen die neuen Konzepte testen, indem sie ausschließlich einen Teil des jeweiligen Produkts einem bestimmten Kundensegment anbieten. Die rechtlichen Bedingungen und Compliance-Richtlinien werden sich mit diesen neuen Marketingstrategien weiterentwickeln müssen.

Julie: Erzählen Sie uns mehr über die Arten der Tags, die Sie identifizieren, und darüber, in welche Richtung es geht.

Jack: Die besten Beispiele hierfür birgen die verheerenden Katastrophen, die die Welt kürzlich erlebt hat, zum Beipiel das Erdbeben und der Tsunami in Japan, die Ölpest am Golf von Mexiko oder die tödlichen Tornados hier in den USA. Wir leben in einer informationssüchtigen Gesellschaft, und die Menschen möchten wissen, was die Experten über die Auswirkungen und Konsequenzen dieser Ereignisse sagen. Zum Beispiel möchten Sie wissen, welche Unternehmen Roboter anbieten, die benötigt werden, um die Ölpest am Golf in den Griff zu bekommen. Wer bietet Meinungen und Erkenntnisse über diese Branche? Um zu helfen, diese Informationen zu identifizieren, damit man sie leicht finden kann, haben wir das Konzept der „Spot Tags“ entwickelt. Spot Tags kennzeichnen Informationen mit einer kurzen Lebensdauer, die aufgrund der nächsten Informationswelle unwichtig werden. Das Konzept steht im Gegensatz zu den Standardarten der Research-Inhalte und ihrer Tags, die man innerhalb und verknüpft mit den normalen Investement-Research-Berichten findet. Wir versuchen, das Unflexible zu nehmen und es flexibel zu machen, nicht auf neue Benennungen oder Schemata zu warten, sondern nützliche Werkzeuge und Methoden anzubieten, die als direkte Antwort auf die Nachfrage nach Meinungen, Erkenntnissen und Rat verwendet werden können. Wir sprechen auch darüber, wie man Rautentags oder QR-Codes für Schnellreferenzen auf mehr Arten einsetzen kann, um Inhalte zu unterscheiden, damit sie einfach auffindbar sind.

Julie: Was empfehlen Sie Research-Analysten? Wie können sie sich einbringen, um die Standards für die Investment-Community voranzubringen?

Jack: Die Entwicklung, die wir beobachten, ist so einflussreich, dass die Analysten aus eigenem Antrieb die neuen Methoden zur Kundenbindung übernehmen werden, da die Technologie, die dies unterstützt, zugänglich wird. Sie sind ja im ständigen Dialog mit ihren Kunden, was sich natürlich verstärkend auf die Veränderungen auswirkt.
Die nächsten Schritte für RIXML.org sind Mitgliederveranstaltungen, bei denen weiterhin die Analyse sich entwickelnder Technologien und ihrer Anwendung auf den Investement-Research-Bereich im Vordergrund stehen. Außerdem werden wir im Sommer an der Beschreibung von Anwendungsfällen arbeiten, die illustrieren, wie die neue Darstellung von Research-Informationen aussehen könnte. Was wir eigentlich tun, ist das Auffinden neuer Wege, um das, was die Unternehmen bereits besitzen, besser nutzbar zu machen, deshalb sage ich gern, RIXML garantiert nicht, dass Sie besseren Research betreiben, aber wir garantieren eine bessere Struktur zum Auffinden von Research-Informationen.

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